Leben mit Kulturgut

Gedanken einer Restauratorin

Antiquitäten wieder “schön” machen 3

Die fertige Kommode hat auch dem Eigentümer gefallen.

Und ich muss sagen: Dafür, dass das mein erstes Möbelstück war, das ich wirklich komplett eigenverantwortlich bearbeitet habe, bin ich damit zufrieden.
Die ergänzten Füße und Schlüsselbleche waren schon nötig, um die ursprüngliche Aussage wieder erfahrbar zu machen. Leider konnte ich dem Eigentümer nicht ausreden, die Grifflöcher zu schließen.
Aber ich habe das so ausgeführt, dass man das leicht wieder zurückführen können sollte.
Und jetzt, nach einigen Wochen, scheint der Besitzer das wohl doch wieder rückgängig machen zu wollen.

Um auf die Ethik nochmal zu sprechen zu kommen:
Dadurch, dass die Kommode noch immer in täglichem Gebrauch ist, kann man keine museale Konservierung/Restaurierung durchführen. Dabei hätte man eigentlich alle Veränderungen (fehlende Füße, andere Griffe) lassen müssen/können, da sie ja ein Zeugnis der Geschichte dieses Möbels sind. Andererseits verändern fehlende Füße ja auch die Statik der Kommode…

Ich will damit verdeutlichen, dass die ethische Abwägung von Restaurierungsmaßnahmen immer eine Gradwanderung zwischen gut und schlecht ist. Und es immer subjektiv ist. Denn ein anderer Restaurator würde das vielleicht alles ganz anders machen.
Wichtig ist meiner Meinung nach eigentlich nur, dass man nicht einfach das tut, was man oder andere schon immer getan hat, sondern bei jedem Objekt neu überlegt, hinterfragt und abwägt.

Antiquitäten wieder “schön” machen 2

Für einen Bekannten habe ich gerade eine Kommode “wieder schön” gemacht.
Aus meiner Sicht ist sie schon schön geworden. Wobei dies natürlich subjektiv ist und die Veränderungen ethisch nicht konstant einwandfrei vertretbar sind.
Einige Veränderungen waren dabei aber durchaus aus restaurierungsethischer Sicht vertretbar: Die Kommode hatte z.B. keine Füße mehr, sie hatte Griffe, die stilistisch überhaupt nicht passten, ihre riesigen Risse waren schrecklich gekittet (weit über den eigentlichen Riss hinaus verschmiert) und sie hatte kaum noch einen Überzug.
Gut, wenn man die Ethik ganz genau nimmt, hätte ich die fehlenden Füße, passende Schlüsselbleche und Griffe nicht einfach so ergänzen können. Denn ich hatte kaum bis keine Anhaltspunkte, wie diese Teile gestaltet waren. Dafür hätte ich mehr Vergleichsobjekte finden müssen.
Auch den noch gering vorhandenen Lack hätte ich genau auf seine Bestandteile untersuchen müssen, um zu sagen, was früher drauf war. Denn eigentlich müsste man die gleiche Politur wieder verwenden.
Aber mal ehrlich: Welcher Privatkunde bezahlt das alles?
Selbst Museen betreiben nicht solchen Aufwand – außer bei überaus bedeutenden Stücken.

Das heißt nun aber nicht, dass ich die Ethik überzogen finde! Im Gegenteil. Ich bin der Meinung, dass unser Beruf eine so strenge Ethik braucht – von der man dann Kompromisse ableiten kann. Aber wenn man keine solche Ethik hat, kann man logischerweise auch keine Abstriche machen und dann macht ja jeder, was er will. Dann geschehen nämlich solche Dinge, die im Antiquitätenhandel vorgehen: Bemalte Bauernschränke werden abgebeizt oder die Möbel anderweitig umgearbeitet. Nur weil das gerade als “schön” empfunden wird? Weil es sich leichter verkaufen lässt? Mehr Geld damit machen lässt?
Und wo bleibt da der Respekt vor unseren Vorfahren? Solche Möbel waren einmal überaus kostspielig und wurden sehr geschätzt, über Generationen weitervererbt.
Außerdem gibt es heute andere Mittel und Wege, solche Möbel dem Zeitgeschmack anzupassen ohne Zeugnisse von früher unwiederbringlich zu vernichten. So kann man die Oberflächen neu streichen. Verwendet man dafür ein Farbsystem, dass sich mit dem alten nicht verbindet und/oder bringt eine Trennschicht ein, kann man bei Bedarf die alte Fassung (theoretisch) wieder freilegen.

Bevor wir also unsere alten Möbel “schön” machen wollen, sollten wir einen Moment darüber nachdenken, besonders über die weitreichenden Auswirkungen.

Antiquitäten wieder “schön” machen

Im Studium wird die aktuelle Restaurierungsethik gelehrt. Sie besagt im Groben, dass restauratorische Eingriffe zurückhaltend und nur auf das Nötigste beschränkt werden sollten. Ergänzungen sind gerechtfertigt, wenn sie nötig sind, um das Objekt konstruktiv oder in seiner Aussagekraft zu erhalten, zu konservieren.
Doch das ist eine museale Ansicht.
Welcher private Antiquitätenbesitzer bezahlt für eine Restaurierung, wenn er am Ende ein unvollständiges Möbel oder Bild oder dergleichen wiederbekommt?
Ich selbst habe auch wenige Antiquitäten und auch ich möchte diese in meinen heimischen vier Wänden benutzen können. Dabei sollen sie natürlich auch “ordentlich” aussehen. Allerdings bin ich so geschult, dass ich auch kleine Fehlstellen, Flecken oder ander optische Beenträchtigen akzeptiere. Ich stelle meine optischen und praktischen Ansprüche gegenüber konservatorischer Belange zurück.
Doch bei Privatpersonen kann man dieses Verständnis nicht voraussetzen. Häufig wünschen sie, dass ihre Möbel wieder “wie neu” aussehen sollen – oder gar in ihre übrige Raumgestaltung eingepasst werden sollen.
Wenn der sogenannte Laie wüsste, wie das alte Möbel aussah, als es wirklich neu war…. Dann würde er es nicht fordern. Denn eigentlich mag er doch nur die schöne gealterte Oberfläche.
Was ist dann aber mit “wie neu”, “wieder schön”, “aufhübschen” oder “erstrahlt in altem Glanz” gemeint? Und sind diese Begriffe nicht sowie so rein subjektiv?
Für uns Konservatoren/Restauratoren ist das ein ständiger Konflikt – wenn wir nicht gerade in einem Museum arbeiten. In meiner bisherigen Praxiserfahrung musste ich bisher glücklicherweise kaum Verantwortung dafür übernehmen, was ich restauratorisch dürchführe und was nicht. Doch ich habe mich trotzdem immer gefragt, was man vertreten kann und was nicht.
Und ich frage es mich immer noch ständig – denn so etwas kann man im Studium nicht lernen.

Copyright © 2012 by: Leben mit Kulturgut • Template by: BlogPimp Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.