Museum begreifen

Kürzlich besuchte ich in einem kleinen Museum eine Sonderführung, deren Altersdurchschnitt etwa bei 60 lag.

Es hat mich sehr überrascht, dass diese „gute alte Generation“ scheinbar auch nicht weiß, wie man sich im Museum verhält. Objekte, die nicht in einer Vitrine präsentiert werden, wurden – bewusst oder unbewusst? – mehrfach angefasst.

Auf einem Podest stand beispielsweise ein historischer Tisch, der weitere kleine Exponate trug. Ein älterer Herr stand mit einem Bein auf dem Podest und stützte sich dabei ganz lässig auf den Tisch. Als der Tisch so stark wackelte, dass die fragilen Exponate zu wandern begannen, wies ich den Mann darauf hin, dass Exponate im Museum nicht berührt werden sollten.

Er wollte doch nur bequem stehen, entschuldigte er sich.

Hätte er sich einen Museumsstuhl genommen, hätte er sogar bequem SITZEN können!

Kann man heute grundsätzlich nicht mehr davon ausgehen, dass es sich einfach nicht gehört, im Museum alles anzufassen? Sind die „unberührbaren Zonen“ immer noch nicht eindeutig genug gekennzeichnet?

Wie sensibiliesiert man denn alle Museumsbesucher für korrektes Verhalten im Museum? Muss man etwa bei jeder verkauften Eintrittskarte, zu Beginn jeder Führung immer wieder sagen: „Bitte fassen Sie nichts unaufgefordert an. Bitte Essen und trinken Sie nicht in der Ausstellung. Bitte hinterlassen Sie keine Kaugummis und anderen Unrat an und in den Exponaten.“

Holzsichtige Fassung?

Immer wieder stolpere ich beim Lesen einschlägiger Texte über den Terminus „holzsichtige Fassung“ und frage mich, was genau damit gemeint sein könnte.

Eine Holzmalerei kann schonmal nicht gemeint sein, da diese „Maserierung“ genannt wird.

Schließen sich beide Einzelbegriffe nicht gegenseitig aus? Holzsichtig und Fassung?

Eine Fassung ist doch eine deckende, oft mehrlagige Oberflächenbeschichtung. Grob zusammengefasst, gehören dazu Grundierung, Malschicht und Überzug. Statt Malschicht oder in diese integriert kann dann auch eine Blattmetallauflage vorliegen.

Für „Holzsichtigkeit“ ist in dieser Beschichtung doch gar kein Platz mehr.

Diese meint, dass Holz als Untergrund trotz Beschichtung sichtbar ist. Zumeist trägt das Holz eine Beize, eine farbige Lasur und/oder einen transparenten Überzug. Kann das als Fassung gelten?

Beizen liegen nicht ausschließlich auf der Holzoberfläche, sie dringen auch in die obersten Bereiche des Holzes ein. Wie eine Leimlösche unter der Grundierung einer Malschicht.

Eine Lasur sowie ein transparenter Überzug bzw. Lack sind ebenfalls Bestandteil einer Fassung; können sie dann einzeln auch eine Fassung bilden?  Wie viele Schichten machen eine Fassung aus? Und was ist mit der Transluzenz?

Korrekt müsste es also „holzsichtige Beschichtung“ oder besser noch „holzsichtige Oberflächenveredlung“ heißen.

Sonst können wir irgendwann gar nicht mehr erklären, warum Möbelrestauratoren keine „Restauratoren für gefasste Holzobjekte“ sind.

In der Presse …

  
Ja, da ist sie mal wieder, die „Restauration“.

Wenn ich mir aber den Artikel über die Rekonstruktion der Goldenen Waage in der Frankfurter Altstadt durchlese, trifft dieser Begriff gleich zweifach zu:

Im rekonstruierten Gebäude soll später u. a. ein Café einziehen.

Und diese umfassende Rekonstruktion eines Gebäudekomplexes entspricht weniger einer Restaurierung im musealen Sinn – eben mehr einer Restauration.

Restauration bedeutet eigentlich die Wiederherstellung von Kräften durch Bewirtung mit Speis und Trank. Restauratoren erkennen an der Nutzung dieses Begriffes die Arbeitsqualität von Kollegen.

Von dem Trend der Stadt als historische Kulisse kann man halten was man will. Einerseits ist es schon erfreulich, wenn die Überreste historischer Bausubstanz erhalten bleiben – und dann noch ihrer ursprünglichen Funktion wieder (teilweise) zugeführt werden. Andererseits negiert es in gewisser Weise geschichtliche Ereignisse des 20. Jh. und suggeriert, dass die originale Bausubstanz ersetzbar ist – vielleicht sogar verbessert werden kann. Es zeigt aber auch, dass die Gesellschaft die Vergangenheit als Identitätsstifter braucht. Ohne altes Zeug geht es also nicht.

verstaubtes altes Zeug?

old-books-436498_1920Viele mögen denken: „Warum müssen wir so viel unnützen alten Kram aufbewahren? Das kostet nur Geld, nimmt Platz weg und interessiert doch eh keinen.“

Gut, dann reißen wir den Kölner Dom ab, entsorgen die Mona Lisa, verschrotten die erste Dampfmaschine, verbrennen all die verstaubten Massen von Akten und Papieren in den zahlreichen Archiven!

Und dann? Wer sind wir dann? Fehlt uns dann nicht die Identität?

Besonders das „Altpapier“ ist wichtig und kann so spannend sein! Denken Sie an die berühmten Stasiakten. Viele ehemalige DDR-Bürger nutzen sie, um Verwandte zu finden, ihre Herkunft zu klären. Die persönliche Ahnenforschung wäre ohne die alten Kirchenbücher über Eheschließungen, Geburten und Todesfälle unmöglich. All das trägt zu unserer Identität bei. Und so geht es auch den Städten.

Städte und Dörfer – und andere Siedlungsarten – haben eine Identität, die sich auch aus der Vergangenheit ergibt. Und wo ist diese Dokumentiert, wenn nicht in den Bauakten in den entsprechenden Archiven? Gut, für manche Orte mag es schon eine Chronik geben. Doch wo haben die Chronisten ihre Infos her?

ProjektflyerLobend ist da das Engagement der Stadt Karlsruhe zu erwähnen, die in einem Großprojekt mit der Konservierung, Erschließung und Digitalisierung ihrer Bauakten diese besondere Identität bewahren möchte. Denn die „Fächerstadt“ Karlsruhe blickt wirklich auf eine sehr spannende Herkunft zurück: Die von Karl Wilhelm erst 1715 gegründete Planstadt sollte wohl nur einer temporären Machtdemonstration dienen, da ihre Häuser zunächst nur in „Leichtbauweise“ entstanden. Doch die Menschen blieben, bauten ihre neue Heimat aus und gestalteten sie. Heute erlebe ich die Einheimischen als stolze Karlsruher. Sie identifizieren sich mit ihrer Stadt und gestalten sie aktiv; nehmen das Verkehrschaos wegen der U-Bahn-Baustellen mit Humor, sehen sie als „badische Baukunst“ an.

Wäre das möglich, wenn man keine Geschichtsdokumente aus der Vergangenheit hat?

Klar, steht doch alles im Internet!

Und wo hat das Internet das her?

Von so verstaubtem alten Zeug, das von Fachleuten interpretiert werden kann, weil es durch Experten erhalten wird.

Bewegung konservieren

Am 19. und 20.4.2013 richtete die VDR-Fachgruppe Technisches Kulturgut in Berlin eine Tagung aus, die sich mit den vielen Facetten der Bewegung als bedeutende Eigenschaft von Maschinen beschäftigte.

Maschinen sind mittlerweile nicht nur alltägliche Lebenshilfen sondern auch Kunst- und Kulturobjekte geworden.

Bisher kann man einen Teil der Tagungsvorträge in sehr bewegter Form online nachvollziehen. Öffnet man zunächst die Präsentationen kann man anschließend den Audiodateien viel besser folgen und spannendes über Dampfmaschinen oder Zuses Helixturm erfahren.

Dank weiterführender Links des Deutschen Museums München weiß ich nun auch endlich, wie ein Abakus funktioniert!

Ich halte gerade für Maschinen und bewegtes Kulturgut die modernen Medien, wie Filmaufnahmen und virtuelle Rekonstruktionen, für sehr brauchbare Hilfsmittel bei der Erschließung, Dokumentation und Vermittlung von Funktionsweisen. Allerdings können sie niemals das funktionierende Original und gar menschliche Erklärungen ersetzen.

Hoffentlich wird noch eine Publikation zu dieser Tagung erscheinen.

Darauf warte ich gespannt.

Leichen im Keller …

Beim Aufräumen entdeckte ich in der RESTAURO 3/2010 einen Verweis auf eine frei zugängliche Bilddatenbank von Kulturgut, welches zwischen etwa 1937 bis 1945 in NS-Besitz überging – durch Kauf oder Beschlagnahmung. Das Deutsche Historische Museum in Berlin hat hier zusammen mit dem Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen die sogenannte „Linzer Sammlung“ bearbeitet. Sie enthält überwiegend Gemälde und nur wenige Möbel, Porzellanarbeiten, Skulpturen und Tapisserien. Leider kann man nicht nach Objekttypen suchen, sondern muss z. B. den gesuchten „Stuhl“ o. ä. in der Volltextsuche eingeben. Bei einem Sucherfolg erhält man dann meistens eine Abbildung des Objekts sowie u. a. wertvolle Angaben zum ursprünglichen Eigentümer und heutigen Verbleib – sofern bekannt.

Das ist durchaus ein wertvoller Beitrag zur Aufarbeitung unserer NS-Vergangenheit.

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Aber wenn das nur das einzige Problem unserer Museen wäre!

Wir wissen doch alle aus eigenere Erfahrung, dass eigentlich alle deutschen Museen nicht so genau wissen, was sie in ihren Depots haben. Überall gibt es unaufgearbeitete Bestände und Objekte, die entweder noch nicht inventarisiert sind, deren Inventarnummer verloren gegangen ist oder die gar komplett verschollen sind.

Das ist ganz logisch, da der überwiegende Teil von den stetig wachsenden Sammlungen einfach nicht ausgestellt werden kann und leider viel zu wenig Personal vorhanden ist, welches genügend Zeit aufbringen könnte, sich den Depots zu widmen.

Um so befriedigender ist es da doch, wenn man aus purem Zufall zwei Objekte im Depot „wiederfindet“, sie also eine Inventarnummer bekommen und in der hauseigenen Datenbank nicht mehr als „Standort unbekannt“ oder „verschollen“ gelten.

Und es freut mich ungemein, wenn ich von Kolleginn/en höre, dass sie auch durch Zufallsfunde verloren geglaubte Objektteile wiederfinden und zusammenführen können und durch Archivfunde wertvolle historische Bezüge herstellen können!

Davon will ich mehr in der Öffentlichkeit hören, lesen und sehen!

Berufsgruppen, die in Depots von Museen und Sammlungen oder auch Archiven arbeiten, sind nun einmal auf gewisse Art und Weise Schatzsucher, die Grundlagen für wissenschaftliche Forschungen zu unserer Vergangenheit legen. Wir bringen doch alle einen gewissen Enthusiasmus für die Objekte mit und bewegen uns mit offenen Augen durch den Alltag. Und diese Arbeit ist wichtig und wertvoll – und sollte medienrelevant werden. Denn ich denke schon, dass sich die Öffentlichkeit dafür interessiert, was hinter den Kulissen der Museen vorgeht. Sonst wären Depotführungen, Restaurierungs-Schauen oder einschlägige Filme nicht so beliebt.

Der Bückeberg – ein unbequemes Denkmal

Endlich ist die filmische Dokumentation über den Bückeberg bei Hameln online abrufbar (ich berichtete darüber).
Über die Seite des Niedersächsischen Landesamts für Denkmalpflege oder Youtube kann man sich den ca. 15-minütigen Film kostenfrei anschauen.
Und für weitere Informationen über das Filmprojekt besuche man den Blog.

Unbequeme Denkmale

Unter anderem mit dem Tag des offenen Denkmals 2013 sind „unbequeme Denkmale“ in wissenschaftliches und öffentliches Interesse gerückt. Damit sind hauptsächlich Geschichtsorte gemeint, die uns von vergangenen diktatorischen Regimen erzählen.

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So z.B. auch der Bückeberg bei Hameln. Heute ein unscheinbarer Hügel, der nur bei genauer Betrachtung noch Anzeichen von seiner Zeit als Veranstaltungsort der Reichserntedankfeste zwischen 1933 und 1937 offenbart. Schier unglaublich erscheint mir, welcher Aufwand damals betrieben wurde, um tausende Menschen zusammen zu bringen und damit eine Kulisse für Hitlers selbstherrliche Auftritte zu bilden. Es wurde damals sogar richtiges Merchandising betrieben und Schau-Kriegshandlungen vorgeführt. Teilweise bewusst negiert, teilweise unbewusst vergessen, ist dieser Ort heute aus dem Bewusstsein der deutschen Bevölkerung verschwunden. Nun soll dieser Platz – er steht unter Denkmalschutz – didaktisch aufbereitet werden, um ein lokales Mahnmal dieser deutschen Vergangenheit zu werden.
Und genau das macht es unbequem. Denn niemand kann garantieren, dass dieses und andere Denkmale nicht dann auch wieder in das Bewusstsein von Rechtsgesinnten rücken und sie sie für ihre Zwecke „misbrauchen“. Doch auch viele Bunker und öffentliche Plätze sind unbequeme Denkmale, da sich durch ihre negative geschichtliche Belastung nur sehr mühsam adäquate neue Nutzungskonzepte entwickeln lassen.
Diesem Thema widmet sich auch vom 26. bis 29.3.2014 in Hannover die Tagung „Unter der Grasnarbe„. Denn oft ist uns gar nicht mehr bewusst, wie sehr die Nazis unsere Städte und das Land geprägt haben. So erhofft man sich vom fachlichen Austausch, Anregungen zum zukünftigen Umgang mit solch unbequemen Denkmalen. Und hoffentlich gibt es dann – neben Huses bereits 1997 erschienen Buches „Unbequeme Baudenkmale“ – bald weitere Publikationen zu diesem spannenden und immer noch brisanten Thema.

Gartendenkmale

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In der Ausgabe 4/2013 der Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen geht es hauptsächlich um Gartendenkmäler und ihre Erhaltung.
Als Gartendenkmale gelten nicht nur Gärten, sondern auch Friedhöfe und Alleen. Prinzipiell sind das also Pflanzen, die durch Menschenhand arrangiert, gepflegt und teilweise auch natürlich überformt wurden. Dazu gehören aber auch Umfassungsmauern, Grabsteinen und Wege. Die nähere Umgebung, wie umliegende Felder, Wälder, Gebäude und deren Sichtbezüge sind erst in jüngster Zeit in das Bewusstsein aller Beteiligten gerückt. Denn bei Gartendenkmälern müssen sich Denkmalschützer auch mit Naturschützern verständigen. Gerade bei Alleen, die öffentliche Straßen säumen, kommen Aspekte der Verkehrssicherheit hinzu. Und manchmal müssen auch verschiedene Eigentümer an einen Tisch gebracht werden.
Und wie erhält man nun solche lebenden Denkmale, die natürlicherweise auch erkranken und sterben können?
Natürlich versucht man, die überkommenen Pflanzen so lang wie möglich zu erhalten. Oft ist dies aber nicht möglich, da die Pflanzen bereits am Ende ihrer Lebensdauer angelangt sind. Den Verlust könnte man ohne Gegenmaßnahmen akzeptieren. Meist werden aber tote Pflanzen durch neue der selben Art ersetzt, doch sind diese dann in Größe und Form anders – von den Genomen ganz zu schweigen.
Dabei stellt sich aber die grundlegende Frage – wie bei allen Denkmalen und Kulturgütern – ob man die ursprüngliche Erscheinung oder den gealterten, überformten oder gar ruinösen Zustand erhält. Allerdings ist oft nicht belegt, wie die ursprüngliche Planung aussah. Gab es bestimmte emotionale Absichten, die hinter Dichte, Anordnung und Höhe von Gehölzen standen?
Im Grunde haben sich auch Möbelrestauratoren mit diesen ethischen Grundsatzfragen auseinanderzusetzen, doch stehen wir nicht so unter Zeitdruck, da die natürliche Lebensdauer „toter“ Materialien, wie sie an Möbeln verbaut werden, weit länger ist, als bei Pflanzen.